Wir opfern unsere Kinder

Im Podcast UNERHÖRT wurde ich gefragt, welcher Bibelvers mir im Blick auf das Thema sexuelle Gewalt besonders wichtig ist. In diesem ergänzenden Text möchte ich meine spontane Antwort näher erläutern.

Unsere Kinder werden dem Moloch geopfert! Dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf, als ich im Podcast nach einem Bibelvers zum Thema sexuelle Gewalt gefragt wurde. Darüber war ich in dem Moment selbst erschrocken, und hatte weder den genauen Wortlaut noch die Bibelstelle parat. Ich erinnerte mich aber, dass es mich vor vielen Jahren, als ein solcher Text in einem Gottesdienst gelesen wurde, wie ein Blitz durchfuhr mit genau diesem Eindruck: So etwas geschieht auch bei uns.

Um meine Antwort besser zu verstehen, muss ich zunächst einmal einen anderen hierfür relevanten Bibeltext zitieren. Und zwar die Rede Jesu aus Markus 9,42-48:

„42 Und wer eines dieser Kleinen, die an mich glauben, zu Fall bringt, für den wäre es besser, wenn ein Mühlstein um seinen Hals gelegt und er ins Meer geworfen würde. 
43-44 Und wenn deine Hand dir Anstoß zur Sünde gibt, so hau sie ab! Es ist besser für dich, als Krüppel in das Leben hineinzugehen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das unauslöschliche Feuer. 
45-46 Und wenn dein Fuß dir Anstoß zur Sünde gibt, so hau ihn ab! Es ist besser für dich, lahm in das Leben hineinzugehen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden. 
47 Und wenn dein Auge dir Anstoß zur Sünde gibt, so wirf es weg! Es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes hineinzugehen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, 
48 wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt‘.“

Insbesondere Vers 42 verdeutlicht auf drastische Weise: Der Mühlsteinwar damals das zerstörerischste Werkzeug, für das es keine Steigerung mehr gab. Das als Metapher für die drohenden Konsequenzen gegenüber den Tätern einzusetzen, zeigt deutlich: Sexueller Missbrauch richtet schlimmsten Schaden an.

Die Hölle gibt es wirklich

Interessant ist der Zusammenhang beider Bibelstellen: Unmittelbar nach dem Vers mit dem Mühlstein spricht Jesus gleich zweimal von der Hölle – und bezieht sich dabei durchaus auch auf Texte aus 2. Könige 16,3 und 21,6, wo von Kindesopfern an den Götzen Moloch die Rede ist: Die Hölle (Gehenna), von der Jesus in Markus 9 spricht, ist nämlich die griechische Bezeichnung für das hebräische Ge-hinnom (Tal des Hinnom), südlich vom Tempelberg in Jerusalem gelegen. In diesem Tal wurden zur Zeit Manasses und Ahas Kinder als Opfergabe verbrannt, man ließ sie „durchs Feuer gehen“. Zur Zeit Jesu wiederum befand sich dort die Mülldeponie Jerusalems mit schwelenden Feuern und Dauerbefall von Würmern. In der jüdischen Tradition zur Zeit Jesu war es symbolisch zum Ort des Endgerichts und der Läuterung geworden – ein Ort des Feuers und der Gottesferne.

Die Hölle wird hier zum Ausdruck der maximalen Abkehr von Gott, wo rituelle Kindesopfer für den Inbegriff des absolut Bösen stehen. Jesus bezeichnet die Hölle dabei nicht als einen abstrakten Ort im Jenseits, sondern bezieht sich auf einen irdischen, geografischen Ort im Diesseits: die Mülldeponie Jerusalems, wo ständig Feuer brannte und der Abfall, der nicht vom Feuer erfasst wurde, unter ständigem Wurmbefall verrottete.

Wem opfern wir unsere Kinder?

Jesus warnt eindringlich: „Wer einem dieser Kleinen, die an mich glauben, so etwas antut, richtet unwiderruflichen Schaden an.“ Kinder glauben gerne und bereitwillig. Doch sie können noch nicht unterscheiden zwischen Gott und der Gewalt ausübenden Person, die von diesem Gott erzählt. Erleben sie Missbrauch im Kontext von Glauben und Kirche, werden sie unfähig, einem solchen Gott zu vertrauen, weil sich das Gesagte und das Erlebte vermischen. Doch wo Worte und Taten nicht zusammenpassen, gräbt sich tief in ihre Seele ein nagendes Misstrauen ein. Worte reichen nicht aus, um dieses oft lebenslange innere Leiden zu beschreiben. Im Podcast sprechen wir ausführlich über die zerstörerischen Auswirkungen.

Das Erschreckende daran: Jesus richtet diese Warnung nicht an Heiden und Außenstehende, sondern an die Jünger, seine engsten Freunde und Nachfolger. Die hatten gerade darüber diskutiert, wer von ihnen wohl der Größte sei (Markus 9,34). Das Streben nach Ansehen und Anerkennung, nach Image und Prestige, macht also auch vor den Nachfolgern Jesu nicht halt. Allerdings kommt es oft sehr subtil daher, gerade bei uns Christen. Denn dort, wo wir bewusst oder unbewusst versuchen, den guten Ruf unserer Gemeinden mit vermeintlich geistlichen Argumenten aufrechtzuerhalten, tangiert es letzten Endes die Ebene des Machterhalts. Wo wir sogar befürchten, mit dem Aussprechen der Wahrheit dem Evangelium und damit Jesus selbst zu schaden, spielen wir dem Bösen in die Hände und werden indirekt zu Mittäterinnen und Mittätern.

Mehr und mehr bin ich davon überzeugt, dass wir Sünde zu einseitig individuell denken, sündige Systeme hingegen, die sich innerhalb der Institution Gemeinde befinden können, kaum beachten und dadurch womöglich unbewusst an ihnen teilhaben. „Zur Sünde verführen“ bedeutet dann auch nicht, die „Kleinen“ aktiv zur Sünde zu ermutigen, sondern sie in dieses sündhafte System des Schweigens mit hineinzuziehen. Wenn ihnen gedroht wird: „Das musst du für dich behalten, sonst schadest du der Gemeinde, den betreffenden Mitarbeitern oder sogar Jesus selbst“, werden sie gewaltsam zu einem Teil dieses teuflischen Systems gemacht. In ihnen werden Lügen über Gott verfestigt, Lügen über sich selbst, krankmachende Abhängigkeiten geschaffen, die sie in diesem Opferstatus festhalten.

Es wäre kaum auszudenken, könnten unsere Gemeinden zu einem Ort werden, in denen „einäugige, verkrüppelte Menschen mit abgehackten Händen und Füßen“ sitzen, um in der drastischen Sprache von Jesus zu bleiben (Markus 9,43-48). Gemeinden, in denen verwundete Kinder und Erwachsene Gehör finden. Dann wäre die Illusion einer vollkommenen Gemeinde zerstört; stattdessen würde sie zu einer echten Repräsentantin des Reiches Gottes – und damit ein dringend benötigter Zufluchtsort für die Welt.

Eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Diesen Text habe ich nicht als Anklägerin geschrieben, sondern als Opfer von sexueller Gewalt, die selbst lange Zeit darum bemüht war, den guten Ruf der eigenen Gemeinde aufrechtzuerhalten. Uns Christen ist der Schutz des ungeborenen Lebens wichtig. Wie wichtig ist uns der Schutz des geborenen Lebens und was sind wir bereit, dafür zu opfern?

(Ille Ochs, September 2026)